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Entscheidungsgründe:

Der Senat konnte mit Einverständnis der Beteiligten ohne mündliche Verhandlung durch Urteil entscheiden (§§ 153 Abs. 1, 124 Abs. 2 Sozialgerichtsgesetz - SGG -)

Die Berufung der Beklagten ist form- und fristgerecht eingelegt (§ 87 Abs. 1 Satz 2 i. V. m. § 153 Abs. 1 SGG, 151 SGG) und auch im Übrigen zulässig (§ 143 SGG). Sie ist zudem begründet.

Zunächst ist die Klage unzulässig, soweit der Kläger über die Feststellung der BK hinaus auch die Gewährung von Versicherungsleistungen geltend macht. Über die Gewährung von Sozialleistungen wie die Verletztenrente ist vor Klageerhebung in einem Verwaltungsverfahren zu befinden, das mit einem Verwaltungsakt abschließt, gegen den die kombinierte Anfechtungs- und Verpflichtungsklage oder Anfechtungs- und Leistungsklage zulässig ist (§ 54 Abs. 1, 2, 4 SGG). Vorliegend hat die Beklagte in dem angefochtenen Bescheid vom 26. August 2011 in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 22. Februar 2013 nur über die Anerkennung der BK Nr. 4101 bei dem Kläger entschieden. Die darüber hinausgehende abstrakte Feststellung, dass "Ansprüche auf Leistungen" nicht bestünden, führt zu keinem anderen Ergebnis. Denn eine konkrete Entscheidung in Bezug auf eine Verletztenrente wurde insoweit nicht getroffen, die Leistung selbst auch mit überhaupt gar keinem Wort erwähnt. Gegenstand des gerichtlichen Verfahrens ist damit alleinig die Feststellung der BK Nr. 4101 der Anlage 1 zur BKV. Nachdem die Beklagte eine Entschädigung schon dem Grunde nach abgelehnt hatte, weil kein Versicherungsfall eingetreten sei, konnte es dem Kläger in der Sache daher zunächst nur um die Anerkennung seiner Lungenerkrankung als Berufskrankheit, also um die Feststellung des Bestehens eines Rechtsverhältnisses, aus dem im weiteren Verlauf gegebenenfalls Leistungsansprüche abgeleitet werden können, gehen. Das Begehren, "aus Anlass einer Berufskrankheit nach Nr. 4101 bzw. 4102 der Anlage zur Berufskrankheitenverordnung eine Rente nach einer Minderung der Erwerbsfähigkeit in Höhe von mindestens 20 v. H. zu gewähren" (vgl. Seite 2 der Klageschrift vom 12. März 2013), hat in dieser Situation keine eigenständige Bedeutung, sondern beschreibt nur die rechtlichen Folgerungen, die sich im Falle der beantragten Feststellung ergeben. Die Gewährung konkreter Entschädigungsleistungen - hier einer Verletztenrente - wegen dieser Berufskrankheit ist aus den genannten Gründen nicht streitgegenständlich, die hierauf gerichtete Klage in Ermangelung einer gemäß § 54 Abs. 1 Satz 1 SGG anfechtbaren Entscheidung der Beklagten unzulässig (zum Ganzen siehe auch BSG vom 7. September 2004 - B 2 U 35/03 R; BSG vom 30. Oktober 2007 - B 2 U 4/06 R). Eine Verurteilung (auch) zur Leistungsgewährung hätte durch das Sozialgericht entsprechend nicht erfolgen dürfen.

Im Übrigen ist der angefochtene Bescheid der Beklagten vom 26. August 2011 in Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 22. März 2013 nicht rechtswidrig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten. Es kann nicht festgestellt werden, dass die Erkrankung des Klägers eine BK nach § 9 Abs. 1 Sozialgesetzbuch Siebtes Buch (SGB VII) der Nr. 4101 der Anlage 1 zur BKV ist. Das erstinstanzliche Urteil konnte daher keinen Bestand haben.

Versicherungsfälle sind neben Arbeitsunfällen auch Berufskrankheiten, § 7 Abs. 1 Sozialgesetzbuch Siebtes Buch (SGB VII). Nach § 9 Abs. 1 SGB VII sind Berufskrankheiten solche Krankheiten, welche die Bundesregierung durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates als solche bezeichnet hat und die ein Versicherter infolge einer den Versicherungsschutz nach den §§ 2, 3 oder 6 SGB VII begründenden Tätigkeit erleidet.

Voraussetzung für die Feststellung jeder Erkrankung als Berufskrankheit ist, dass die versicherte Tätigkeit, die schädigenden Einwirkungen sowie die Erkrankung, für die Entschädigungsleistungen beansprucht werden, im Sinne des Vollbeweises nachgewiesen sind. Eine absolute Sicherheit ist bei der Feststellung des Sachverhalts nicht zu erzielen. Erforderlich ist aber eine an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit, wonach kein vernünftiger Mensch mehr am Vorliegen vorgenannter Tatbestandsmerkmale zweifelt (BSGE 6, 144; Keller in: Meyer-Ladewig / Keller / Leitherer / Schmidt, SGG, 12. Auflage 2017, § 128 Rn. 3b m. w. N.). Es muss ein so hoher Grad von Wahrscheinlichkeit vorliegen, dass alle Umstände des Einzelfalles nach vernünftiger Abwägung des Gesamtergebnisses des Verfahrens und nach der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet sind, die volle richterliche Überzeugung hiervon zu begründen (BSGE 45, 285, 287; 61, 127, 128).

Zur Anerkennung einer Berufskrankheit muss zudem ein doppelter ursächlicher Zusammenhang bejaht werden. Die gesundheitsgefährdende schädigende Einwirkung muss ursächlich auf die versicherte Tätigkeit zurückzuführen sein (sog. haftungsbegründende Kausalität) und diese Einwirkung muss die als Berufskrankheit zur Anerkennung gestellte Krankheit verursacht haben (sog. haftungsausfüllende Kausalität - dazu: Schwerdtfeger in: Lauterbach, Gesetzliche Unfallversicherung, SGB VII, Kommentar, Anm. 54 zu § 8 SGB VII). Für den Ursachenzusammenhang zwischen Einwirkungen und Erkrankungen im Recht der Berufskrankheit gilt dabei, wie auch sonst in der gesetzlichen Unfallversicherung, die Theorie der wesentlichen Bedingung (BSG vom 9. Mai 2006 - B 2 U 1/05). Die Theorie der wesentlichen Bedingung basiert auf der naturwissenschaftlich-philosophischen Bedingungstheorie, nach der Ursache eines Erfolges jedes Ereignis ist, das nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass der Erfolg entfiele (sog. conditio sine qua non). Aufgrund der Unbegrenztheit der Bedingungstheorie werden im Sozialrecht als rechtserheblich aber nur solche Ursachen angesehen, die wegen ihrer besonderen Beziehung zum Erfolg zu dessen Eintritt wesentlich mitgewirkt haben. "Wesentlich" ist nicht gleichzusetzen mit "gleichwertig" oder "annähernd gleichwertig". Auch eine nicht annähernd gleichwertige, sondern rechnerisch verhältnismäßig niedriger zu bewertende Ursache kann für den Erfolg rechtlich wesentlich sein, solange die anderen Ursachen keine überragende Bedeutung haben. Als Beweismaßstab genügt für den Ursachenzusammenhang statt des Vollbeweises die Wahrscheinlichkeit, d. h., dass bei vernünftiger Abwägung aller für und gegen den Zusammenhang sprechenden Umstände die für den Zusammenhang sprechenden Erwägungen so stark überwiegen müssen, dass die dagegen sprechenden billigerweise für die Bildung und Rechtfertigung der richterlichen Überzeugung außer Betracht bleiben können (BSG in SozR Nr. 20 zu § 542 RVO). Der Ursachenzusammenhang ist jedoch nicht schon dann wahrscheinlich, wenn er nicht auszuschließen oder nur möglich ist (BSGE 60, 58, 59).

Nach Nr. 4101 der Anlage zur BKV (BKV vom 31. Oktober 1997, BGBl. I S. 2623, zuletzt geändert Art. 1 der Verordnung zur Änderung der Berufskrankheitenverordnung vom 22. Dezember 2014, BGBl. I S. 2397) gehört zu den BKen auch die Quarzstaublungenerkrankung (Silikose). Dabei handelt es sich um eine Erkrankung an Lungenfibrose durch Einatmung von Staub, welcher in unterschiedlichen Anteilen freie kristalline Kieselsäure enthält. Diese freie kristalline Kieselsäure kommt im Wesentlichen als Quarz, Cristobalit oder Tridymit an zahlreichen Arbeitsplätzen vor (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, "Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 9. Aufl. 2017, S. 1052). Derartige Arbeitsplätze finden sich typischerweise im Steinkohlebergbau, in der Natursteinindustrie, im Gießereiwesen, in der Glasindustrie, in der Email- und keramischen Industrie sowie bei der Herstellung feuerfester Steine (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a. a. O., S. 1055).

Nach Maßgabe der vorgenannten Grundsätze setzt die Anerkennung der BK Nr. 4101 zwingend voraus, dass der Vollbeweis für das Vorliegen einer Silikose erbracht worden sein muss. Die Krankheit als solche muss voll bewiesen sein, d. h. ihr Vorliegen muss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststehen. Die Beweiserleichterung der hinreichenden Wahrscheinlichkeit gilt nur für den ursächlichen Zusammenhang zwischen der versicherten Tätigkeit und der schädigenden Einwirkung und zwischen der schädigenden Einwirkung und der Erkrankung (Urteil vom BSG vom 31. Mai 2005 - B 2 U 12/04 R). Lassen sich unter Berücksichtigung dieser Grundsätze die den Anspruch begründenden Tatsachen nicht nachweisen, gelingt insbesondere nicht der Nachweis des Vorliegens einer Krankheit im Sinne der geltend gemachten BK, so geht dies nach dem auch im Sozialrecht geltenden Grundsatz der objektiven Beweislast zu Lasten des Versicherten, wenn er aus diesen Voraussetzungen eine für ihn günstige Rechtsfolge herleiten will (BSG vom 27. Juni 1991 - 2 RU 31/90 und vom 12. Mai 1992 - 2 RU 26/91).

Vorliegend und zwischen den Beteiligten auch unstreitig war der Kläger zwar während seiner Tätigkeit im Bergbau vom 1. Dezember 1951 bis zum 31. März 1967 als Berglehrling, Knappe und Hauer untertage der Einwirkung von Quarzstäuben ausgesetzt. Allerdings liegt zur Überzeugung des Senats entgegen den Feststellungen des Sozialgerichts ein einschlägiges Erkrankungsbild im Sinne der BK Nr. 4101 nicht im Sinne des Vollbeweises vor. Die Verdachtsdiagnose einer Silikose wird derzeit in erster Linie durch das Röntgenbild der Lunge gestellt. Charakteristisch sind disseminierte, mehr oder minder rundliche Verschattungen unterschiedlicher Größe und Dichte, eventuell mit zusätzlichen größeren sog. Schwielenbildungen, vorwiegend lokalisiert in den Ober- und Mittelfeldern, eventuell konfluierend und/oder zerfallend. Die Befundung erfolgt standardisiert nach der Staublungenklassifikation der International Labor Organisation (ILO). Von der ILO wurde zur quantitativen Erfassung der röntgenmorphologischen Veränderungen ein Befundungsschema festgelegt, in dem an Hand von Standardvergleichsfilmen die Größe, Zahl und Lage runder und unregelmäßiger Verschattungen, Pleuraplaques und -verkalkungen und anderer Veränderungen in einer p. a. Thoraxübersichtsaufnahme, d. h. einer Röntgenaufnahme, bei welcher der Strahlengang in Bezug auf den Körper von hinten (posterior) nach vorne (anterior) erfolgt. Für eine Silikose spricht dabei das Vorliegen kleiner rundlicher Schatten vom Typ p, q oder r im Röntgenbild des Thorax mit einer Gewissenhaftigkeit und gleichmäßiger Verteilung im Sinne eines Streuungsgrades nach ILO 2000 von 1/1 oder höher (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a. a. O., S. 1056; Empfehlung für die Begutachtung von Quarzstaublungenerkrankungen (Silikosen) "Bochumer Empfehlungen", S. 17). Soweit Prof. Dr. D. und Prof. Dr. R. bei ihrer Bewertung auf die ILO 2011 abheben, ist zu bemerken, dass für die Klassifizierung analoger Röntgenbilder weiterhin der Text der vorherigen Ausgabe (2000) gültig ist; die überarbeitete Ausgabe (2011) der Richtlinien für die Anwendung der Internationalen Klassifikation des IAA von Pneumokoniose-Filmen erweitert die Anwendung der Klassifikation lediglich auf die - heute üblichen - digital angefertigten Thoraxaufnahmen (vgl. Richtlinien für die Anwendung der Internationalen Klassifikation des IAA von Pneumokoniose-Ro&776;ntgenfilmen / Internationales Arbeitsamt. &8722; Revised edition 2011. &8722; Genf: IAA, 2012 48 p. - Occupational safety and health series, No. 22. S. vii, 16). Da in etlichen Studien belegt wurde, dass Sensitivität und Spezifität der konventionellen Röntgendiagnostik begrenzt sind und der insoweit häufig bestehenden Unsicherheiten bei der Beurteilung der Röntgenaufnahmen, insbesondere bei geringgestreuter Silikose, ist im Rahmen der Erstbegutachtung die CT in High-resolution-Technik erforderlich, um die Diagnose einer Silikose zu sichern oder auszuschließen. Die HRCT wird in Analogie zur ILO semiquantitativ nach ICOERD (International Classification of HRCT for Occupational and Environmental Respiratory Diseases) klassifiziert. Diese Klassifikation ist ein Instrument, um pulmonale und pleurale Befundmuster auf der Basis der HR-Phänomenologie standardisiert zu beurteilen, diese Einschätzung weltweit zu vereinheitlichen sowie vergleichbar und epidemiologisch nutzbar zu machen. Aus Gründen der Reproduzierbarkeit und Vergleichbarkeit ist dabei ein standardisiertes Untersuchungsprotokoll zwingend erforderlich (Anwendung der CT-Klassifikation ICOERD – International Classification of Occupational and Environment Respiratory Deseases). Um die Diagnose einer Silikose in der CT-Untersuchung zu stellen, ist der Nachweis scharf berandeter Verdichtungen in beiden Oberlappen, die in Lungenkern und Lungenmantel lokalisiert sein können, erforderlich. Beim Vergleich mit dem Referenzfilm muss mindestens die Streuungskategorie 1 im rechten wie auch im linken Oberfeld erreicht sein (Gesamtstreuung mindestens 2, vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a. a. O., S. 1058; Empfehlung für die Begutachtung von Quarzstaublungenerkrankungen (Silikosen) "Bochumer Empfehlungen", S. 23). Eine diesen - heutigen und maßgebenden - Erkenntnisanforderungen gerecht werdende Diagnostik liegt nicht vor.

Blickt man auf die Ergebnisse der medizinischen Sachverhaltsermittlung im Verwaltungs- und Widerspruchsverfahren, findet sich keine sichere Diagnose einer Silikose. Dr. N. war in Auswertung der CT vom 30. Oktober 2010 in seinem Gutachten vom 5. Januar 2011 zu dem Ergebnis gelangt, dass im Falle des Klägers keine radiologisch typische Erscheinungsform der Silikose vorliege und diese eher unwahrscheinlich sei. Eindeutige silikotische Fleckschatten vermochte auch der zunächst gehörte Beratungsarzt der Beklagten Dr. O. (Stellungnahme vom 15. Juli 2011) in den CT nicht zu erkennen. Zum gleichen Ergebnis gelangte der Radiologe Dr. P. nach eigener computertomographischer Untersuchung der Lunge vom 4. April 2012 und 13. April 2012 in seinem Gutachten vom 7. Mai 2012. Unter Befundung nur diskreter pneumonaler Veränderungen führte er aus, dass diese "durchaus mit einer Asbestose und auch geringer mit einer Silikose vereinbar" seien, die im CT detektierbaren diskreten Veränderungen jedoch nicht ausreichend beweisend für eine Silikose seien. Lediglich unter Hinweis auf eine seiner Auffassung nach "eindeutige Histologie" war Dr. P. in seiner abschließenden Beurteilung zu dem Vorliegen einer BK (u. a.) der Nr. 4101 gelangt. Ungeachtet der Aussagekraft eines histologischen Befundes - dazu gleich - verweist Dr. P. hierzu auf das Gutachten von Dr. N. vom 16. Februar 2011. Zu bemerken ist insoweit, dass im Rahmen der Begutachtung dort kein eigener histologischer Befund erhoben wurde, sondern lediglich anamnestisch der frühere Befund vom 10. Mai 2010 wiedergegeben wurde.

Eine Silikose kann zwar auch durch histologische Befunde definiert werden. Zur Diagnosesicherung im Rahmen eines BK-Verfahrens dient dabei die Biopsie. Erfahrungsgemäß ist die Sensitivität und Spezifität der Diagnosestellung anhand von Gewebeproben sogar sensitiver und spezifischer als die HRCT-Diagnostik, wenn ausreichend geeignetes und repräsentatives Gewebe vorliegt (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a. a. O., S. 1058). Als unwesentlich sind dabei Befunde anzusehen, bei denen weniger als fünf Silikoseknötchen pro Lungenflügel palpatorisch erfasst und histologisch bestätigt werden und seltene nicht fibröse Formen der Silikose wie eine rein makuläre Silikose ausgeschlossen werden können (vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a. a. O., S. 1058). Vorliegend findet sich in den Akten lediglich ein histologischer Befund der Gemeinschaftspraxis Pathologie Dres. S. und T. aus T-Stadt vom 10. Mai 2010, wo nach Bronchoskopie und Biopsie (erfolgt am 7. Mai 2010 im Rahmen der stationären Behandlung des Klägers in den Kliniken des Main-Taunus-Kreises, Dr. N.) aus dem Unterlappen S8 rechts feingewebliche Untersuchungen vorgenommen worden waren. Festgestellt wurden dabei eine geringe fleckförmige chronische Bronchitis mit verstärktem Stromaoedem, eine kapilläre Hyperämie und auch eine ausgeprägte fleckförmige Anthrakose in einem rechten Unterlappenbronchus. Vorliegend wurde das durch die Biopsie vom 7. Mai 2010 gewonnene Lungengewebe sowohl histologisch als auch zytologisch ausgewertet. Als abnormer Befund war in der Histologie lediglich eine auch zu den Pneumokoniosen gehörende ausgeprägte fleckförmige Anthrakose (Kohlestaublunge) nachweisbar. Dies ist jedoch kein silikosespezifischer Befund, sondern Folge von Kohlepartikel- und Rußstaubinhalationen, wie sie mit arbeitsmedizinischem Hintergrund, aber auch bei langjährigen Großstadtbewohnern auffindbar sind. Unter einer Anthrakose versteht man pathologische Veränderungen der Lunge, die durch das Einatmen und Einlagern von Ruß- oder Kohlepartikeln verursacht werden. Bewohner von Industriestädten nehmen deutlich mehr von derartigen Rußpartikeln auf als die ländliche Bevölkerung. Eine stärkere Exposition findet im Kohlenbergbau statt. Relevante gesundheitliche Beeinträchtigungen werden hierdurch in der Regel nicht hervorgerufen, falls nicht extrem hohe Belastungen stattfinden (vgl. Matthys / Seeger "Klinische Pneumologie", 4. Aufl. 2008, Kap. 4.8.8). Im Röntgenbild zeigen sich bei einer Anthrakose fein noduläre Verschattungen. Diese Knoten oder Knötchen sind jedoch, im Gegensatz zur Silikose, weicher gezeichnet und unscharf begrenzt (vgl. Hien "Praktische Pneumologie", 1. Aufl. 2000, Seite 289). Zytologisch fand sich zwar Fremdmaterial (Staubbestandteile und Asbestfasern) in der Spülflüssigkeit. Histologisch zeigten sich jedoch keine Indizien für eine hierdurch entstandene Lungenerkrankung im Sinne einer Silikose oder Asbestose, z. B. in Form von Fremdkörpergranulomen.

Wenn die Gutachter Dres. N. und P., Prof. Dr. D. und auch Prof. Dr. R. in ihren Ausführungen postulieren, dass im vorliegenden Fall die Silikose "histologisch gesichert" sei, deckt sich dies nicht mit dem einzigen vorliegenden histologischen Ergebnis (Befund vom 10. Mai 2010), das allenfalls einen unspezifischen Befund im Sinne einer Staubbelastung des Klägers, konkret einer Anthrakose, erbracht hat. Im Verlauf der gutachterlichen Beurteilung haben diese Sachverständigen offenbar den Begriff einer "histologischen Silikosesicherung" unreflektiert voneinander übernommen, ohne selbst den Quellbefund (Histologie vom 10. Mai 2010) zur Kenntnis zu nehmen, der eben keine histologische Silikosesicherung beschreibt. Die diesbezüglichen Feststellungen von Prof. Dr. Q., der auf diese Problematik mehrfach hingewiesen hat, sind insoweit zutreffend.

Liegt kein histologischer Befund einer Silikose vor, verbleibt es bei der Definition der Erkrankung über die bildgebende Diagnostik, vorliegend über die HRCT- Beurteilung.

Soweit das Sozialgericht in seinen Entscheidungsgründen darauf abgehoben hat, dass Prof. Dr. D. aufgrund seiner Tätigkeit am Institut für Diagnostische Radiologie der Universitätsklinik Göttingen in hohem Maße spezialisiert sei, was die Auswertung radiologischer Befunde anbelange und Prof. Dr. R. als erfahrener Arbeitsmediziner auch mit Erkrankungen von Bergleuten vertraut sei und auf das durchgängig sehr gut verständliche und nachvollziehbare Gutachten verwiesen hat, verzichtet der Senat auf eine auf die BK Nr. 4101 bezogene fachliche Bewertung der Qualifikation dieser Sachverständigen. Beide Expertisen überzeugen nicht und werden zudem dem an eine standardisierte Befundung einer Silikose nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu fordernden Verfahren nicht gerecht.

Der Befund von Prof. Dr. D. ist für den Senat nicht nachvollziehbar mit den o. g. für die Silikose charakteristischen Veränderungen vereinbar. Darüber hinaus fehlt es an der Benennung der Diagnose- und Klassifizierungskriterien nach der ICOERD, die in der Bochumer Empfehlung beschrieben sind und ohne die eine Silikose-Diagnose nicht verifizierbar und im Sinne des Vollbeweises sicher nachgewiesen ist. Prof. Dr. D. hat die von ihm am 25. April 2014 angefertigten Computertomographien unter Anwendung der ILO-Klassifikation 2011 ausgewertet. Sein Ergebnis, dass "der Befund ( ... ) typisch für eine Silikose mit CT- Veränderungen entsprechend einem Ausmaß 1/1 nach ILO-Klassifikation 2011" sei, ist bereits deshalb nicht verwertbar, weil die ILO- Klassifikation für die Klassifizierung von HRCT-Aufnahmen nicht anwendbar ist. Hierauf hat auch der Sachverständige Prof. Dr. A. in seiner Expertise hingewiesen. Wie bereits ausgeführt, ermöglicht die ILO nur die systematische Beschreibung und Aufzeichnung von auffälligen thorakalen Ro&776;ntgenbefunden, die durch die Inhalation von Sta&776;uben hervorgerufen wurden. Sie wird zur Beschreibung von Ro&776;ntgenbefunden genutzt, die bei den unterschiedlichen Formen der Pneumokoniose auftreten und ist ausschließlich für solche Befunde bestimmt, die auf Ro&776;ntgenbildern gesehen werden. Soweit andere Projektionen und bildgebende Techniken wie z.B. das HRCT oder die MRT erforderlich sind, wurde die ILO-Klassifikation nicht für die Beschreibung solcher Befunde entworfen (Richtlinien für die Anwendung der internationalen Klassifikation des IAA von Pneumokoniose-Ro&776;ntgenfilmen / Internationales Arbeitsamt. &8722; Revised edition 2011. &8722; Genf: IAA, 2012 48 p. - Occupational safety and health series, No. 22. S. 1). Trotz mehrfacher gerichtlicher Aufforderung im erstinstanzlichen Verfahren haben weder Prof. Dr. D. noch Prof. Dr. R. den für die standardisierte Befundung einer Silikose unabdingbaren Beurteilungsbogen für die CT- Klassifikation nach ICOERD vorgelegt. Prof. Dr. R. hat in seiner ergänzenden Stellungnahme vom 5. Oktober 2015 (Seite 6/ Bl. 204 der Gerichtsakte Bd. I) zudem erkennen lassen, dass er mit diesem Beurteilungsverfahren überhaupt nicht vertraut ist.

Insgesamt erweist sich das Gutachten von Prof. Dr. R. für die Fragestellung, ob bei dem Kläger eine Silikose vorliegt oder nicht, als nicht aussagekräftig. Eigene pathologische Befunde hat der Sachverständige im Rahmen seiner Untersuchung hierfür nicht erhoben. Seine Feststellung, dass eine Silikose aus arbeitsmedizinischer Sicht im Vollbeweis gesichert sei, gründet ausschließlich in den Ergebnissen der (unbrauchbaren) radiologischen Begutachtung durch Prof. Dr. D., auf die Prof. Dr. R. insoweit schlicht verweist (S. 25 des Gutachtens/ S. 148 der Gerichtsakte Bd. I).

Für den Senat überzeugender präsentieren sich insoweit die Expertisen von Prof. Dr. Q. und Prof. Dr. A., an denen kein Anlass zu Zweifeln besteht. Bei beiden Ärzten handelt es sich um erfahrene und hochspezialisierte Gutachter, was Lungenerkrankungen anbelangt. Bis zu seiner Emeritierung war Prof. Dr. Q. Direktor der Klinik für Pneumologie, Allergologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum mit wissenschaftlichem Schwerpunkt der Silikose. Prof. Dr. A. ist stellvertretender Direktor und leitender Oberarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitäts-Klinikum Frankfurt am Main, daneben Fachbereichsleiter der radiologischen Abteilung der DKD Helios Klinik Wiesbaden. Sein Schwerpunkt liegt in der radiologischen Befundung des Thorax, speziell der Lunge und des Bronchialsystems. In dem Standardwerk von Freyschmidt/Galanski "Handbuch diagnostische Radiologie: Thorax" hat Prof. Dr. A. das Kapitel "Erkrankungen der Atemwege" bearbeitet.

Prof. Dr. A. hat bei dem Kläger eine Lungenfibrose diagnostiziert. Scharf markierte disseminierte Knötchen, wie sie üblicherweise bei einer Silikose auftreten, konnte er ebenso wenig nachweisen wie die für diese Erkrankung typischen eierschalenartigen Verkalkungen der Lymphknoten. Auch findet sich seinen Feststellungen zufolge die Fibrosierung ohne Bevorzugung der Lungenoberfelder, was bei einer Silikose zu erwarten wäre. Seine Befundung hat der Sachverständige nach der CT-Klassifikation ICOERD mit dem Ergebnis vorgenommen, dass die Fibrose des Klägers nicht als im direkten Zusammenhang mit der stattgehabten Exposition im Sinne einer BK Nr. 4101 stehe. Dem folgt der Senat und ist, auch unter Berücksichtigung der insoweit hiermit übereinstimmenden radiologischen Befundungen und Bewertungen von Dres. N., P., O., insbesondere aber auch der von Prof. Dr. Q., entsprechend nicht im nach § 128 Abs. 1 Satz 1 SGG gebotenem Maße davon überzeugt, dass bei dem Kläger das für diese BK einschlägige Krankheitsbild einer Silikose im Sinne des Vollbeweises vorliegt.

Der Berufung war daher stattzugeben.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 193 SGG.

Gründe, die Revision zuzulassen, liegen nicht vor, § 160 Abs. 2 SGG.

Die Veröffentlichung des Urteils erfolgt nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. Eine Nutzung dieses Urteils von Sozialversicherung-kompetent.de zur gewerblichen Nutzung ist untersagt.

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