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Entscheidungsgründe:

Die zulässige Berufung ist begründet. Das Sozialgericht hat zu Unrecht die Klage abgewiesen. Der angegriffene Bescheid ist rechtswidrig und verletzt die Klägerin in ihren Rechten. Denn sie hat einen Anspruch auf Gewährung einer Witwenrente aus § 65 i. V. m. § 63 Abs. 1 und 2 SGB VII.

Gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 SGB VII erhalten Witwen von Versicherten Witwenrente. Nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3, Satz 2 SGB VII haben Hinterbliebene Anspruch auf Hinterbliebenenrente, wenn der Tod infolge des Versicherungsfalles eingetreten ist. Versicherungsfälle sind Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten (§ 7 Abs. 1 SGB VII). Der Tod ist hingegen kein eigener Versicherungsfall, sondern kann lediglich Folge- und Spätschaden eines Versicherungsfalles sein (BSG, Urteil vom 07.02.2006, B 2 U 31/04, juris, Rn. 15). Dem Tod infolge eines Versicherungsfalles steht der Tod von Versicherten gleich, deren Erwerbsfähigkeit durch die Folgen unter anderem der Berufskrankheit Nr. 4101 der Anlage 1 der Berufskrankheitenverordnung um 50 v. H. oder mehr gemindert war (§ 63 Abs. 2 Satz 1 SGB VII). Dies gilt nach § 63 Abs. 2 Satz 2 SGB VII nicht, wenn offenkundig ist, dass der Tod mit der Berufskrankheit nicht in ursächlichem Zusammenhang steht (1. Halbsatz), wobei eine Obduktion zum Zwecke einer solchen Feststellung nicht gefordert werden darf (2. Halbsatz).

Die Klägerin ist Hinterbliebene, nämlich Witwe des Versicherten. Dessen Erwerbsfähigkeit war infolge der Berufskrankheit Nr. 4101 der Anlage 1 der BKV um 60 v. H. gemindert. Dies steht dem Tod infolge eines Versicherungsfalles gleich. Denn es ist nicht offenkundig, dass der Tod des Versicherten mit der Berufskrankheit nicht in ursächlichem Zusammenhang steht.

Für die nach § 63 Abs. 1 Satz 2 SGB VII erforderliche (haftungsausfüllende) Kausalität zwischen dem Versicherungsfall und dem Tod ("infolge") gilt die Theorie der rechtlich wesentlichen Bedingung (vgl. BSG, Urteil vom 23.10.1975, 2 RU 65/75, juris, Rn. 21; Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 10, 38, Stand: Mai 2010; Jentsch, in: jurisPK-SGB VII, § 63 Rn. 18, Stand: 15.03.2014). Eine Berufskrankheit ist mithin nur dann eine Todesursache im Rechtssinne, wenn sie selbst eine wesentliche Bedingung für den Eintritt des Todes darstellt (vgl. Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 10, Stand: Mai 2010). Beim Zusammentreffen mit anderen versicherungsfallunabhängigen Leiden ist die Berufskrankheit daher eine rechtlich wesentliche Bedingung, wenn sie den Tod zumindest in nicht unerheblichem Maß – etwa durch Verschlimmerung eines bestehenden Leidens oder durch Schwächung des Körpers – mitverursacht hat, versicherungsfallunabhängigen Faktoren also kein überragendes Gewicht zukommt, oder der Versicherungsfall den Eintritt des Todes um wenigstens ein Jahr beschleunigt hat, auch dadurch, dass das versicherungsfallunabhängige Leiden nicht rechtzeitig behandelt oder diagnostiziert wurde (vgl. Ricke, in: Kasseler Kommentar zum Sozialversicherungsrecht, SGB VII, § 63 SGB Rn. 5 f., Stand: 2009; Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 13, Stand: Mai 2010).

§ 63 Abs. 2 Satz 1 SGB VII begründet bei bestimmten Berufskrankheiten eine Rechtsvermutung – keine Fiktion, dass das Vorliegen einer der genannten Berufskrankheiten bei der durch die Höhe der MdE von mindestens 50 v. H. indizierten Schwere der Erkrankung in aller Regel zumindest eine rechtlich wesentliche Ursache für den Tod bildet (BSG, Urteil vom 07.02.2006, B 2 U 31/04, juris, Rn. 17). Durch diese Regelung zugunsten der Hinterbliebenen, die ursprünglich aus Gründen der Pietät eingeführt wurde, wird auch der soziale Rechtsfriede gefördert, der durch einen posthumen Streit über die Todesursache gestört wäre (BSG, Urteil vom 07.02.2006, B 2 U 31/04 R, juris, Rn. 21; vgl. Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 41, Stand: Januar 2011). Die Vermutung soll eine Entscheidung zugunsten der Hinterbliebenen des Versicherten ermöglichen, wenn die Ursache seines Todes nicht positiv oder negativ festgestellt werden kann (für § 589 Abs. 2 RVO BSG, Urteil vom 04.08.1981, 5a/5 RKnU 2/80, juris, Rn. 20; vgl. auch BSG, Urteil vom 14.03.1968, 5 RKn 92/66, juris, Rn. 22).

Nach § 63 Abs. 2 Satz 2 SGB VII gilt diese Vermutung nicht, wenn offenkundig ist, dass Tod und Berufskrankheit nicht in ursächlichem Zusammenhang stehen. Offenkundigkeit in diesem Sinne liegt nur dann vor, wenn die Berufskrankheit mit einer jeden ernsthaften Zweifel ausschließenden Wahrscheinlichkeit den Tod des Versicherten in medizinischer Sicht nicht erheblich mitverursacht und den Todeseintritt nicht um wenigstens ein Jahr beschleunigt hat (BSG, Urteil vom 07.02.2006, B 2 U 31/04, juris, Rn. 23; Jentsch, in: jurisPK-SGB VII, § 63 Rn. 26, Stand: 15.03.2014), wenn also nur eine weit entfernt liegende und nur theoretische Möglichkeit ohne jeden realen Bezug des Zusammenhangs besteht (BSG, Urteil vom 04.08.1981, 5a/5 RKnU 2/80, juris, Rn. 17; Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 47a, Stand: Februar 2010). Die objektive Beweislast für den Fall, dass ein Nachweis für ein offenkundiges Nichtbestehen zwischen einer Berufskrankheit und dem Tod scheitert, trägt der Unfallversicherungsträger (BSG, Urteil vom 30.10.1990, 8 RKnU 2/89, juris, Rn. 16; Burchardt, in: P. Becker u. a., SGB VII, § 63 Rn. 48, Stand: Februar 2012).

Unter Anwendung dieser Maßstäbe ist die Rechtsvermutung des § 63 Abs. 2 Satz 1 SGB VII nicht widerlegt. Denn es ist nicht offenkundig, dass die Silikose den Tod des Versicherten nicht wesentlich mitverursacht hat.

In medizinischer Hinsicht hat die anerkannte Berufskrankheit Nr. 4101 BKV allerdings mit einer jeden ernsten Zweifel ausschließenden Wahrscheinlichkeit den Tod des Versicherten nicht erheblich mitverursacht.

Die Fälle, in denen die Vermutung des § 63 Abs. 2 Satz 1 SGB VII widerlegbar ist, sind regelmäßig dadurch gekennzeichnet, dass die Todesursache des Versicherten von einem anderen Organ als dem durch die Berufskrankheit Betroffenen ausgeht (für § 589 Abs. 2 RVO BSG, Urteil vom 29.05.1984, 5a RKnU 2/83, juris, Rn. 13). Um einen solchen Fall handelt es sich auch vorliegend. Die Berufskrankheit Silikose betrifft die Lunge, während die Todesursache von der Galle bzw. der Leber ausging. Ursächlich für den Tod des Versicherten war ausschließlich das Gallengangkarzinom, während ein Bronchialkarzinom nicht angenommen werden kann. Dies ergibt sich aus dem Sachverständigengutachten von Prof. Dr. Dr. h.c. D., der ein Gallengangkarzinom als Todesursache festgestellt und Hinweise für ein Bronchialkarzinom verneint hat. Dem widerspricht auch nicht die Einschätzung des Sachverständigen Dr. F. Dass dieser ein Bronchialkarzinom nicht "mit letzter Sicherheit" ausschließen konnte, bedeutet lediglich, dass es sich hierbei seiner Auffassung nach um eine ganz entfernte Möglichkeit handelt. Eine solche ist jedenfalls offenkundig nicht kausal im naturwissenschaftlichen Sinn. Wenn Dr. F. die Einschätzung von Prof. Dr. Dr. h.c. D., der Tod sei alleinige Folge der Tumorerkrankung, kritisiert und darlegt, dass ohne die Berufserkrankung die Tumorerkrankung früher hätte diagnostiziert werden können, bestätigt er letztlich die Einschätzung, dass der Gallengangtumor die unmittelbare, medizinische Todesursache war. Nicht die geringsten Anhaltspunkte gibt es schließlich dafür, dass die unzureichende Sauerstoffversorgung mitursächlich für den Tod des Versicherten war. Diese Behauptung der Klägerin ist eine bloße Vermutung, die sich nicht auf Tatsachen stützen kann.

Allein der Umstand, dass die Todesursache von einem anderen Organ ausgegangen ist als das von der Berufskrankheit Betroffene, lässt allerdings noch nicht den zwingenden Schluss zu, dass ein Kausalzusammenhang offenkundig nicht besteht (in diesem Sinne auch Schmitt, SGB VII, 4. Aufl. 2009, § 63 Rn. 15; ähnlich Ricke, in: Kasseler Kommentar zum Sozialversicherungsrecht, SGB VII, § 63 Rn. 8, Stand: 2009: "idR"; abweichend offenbar LSG Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 30.08.2006, L 9 U 383/03, juris, Rn. 23).

Eine Berufskrankheit hat den Tod des Verletzten nämlich auch dann verursacht, wenn wegen ihr eine Behandlung der davon unabhängigen Erkrankung nicht oder eine an sich erfolgversprechende Behandlung erst zu spät durchgeführt wird oder die Berufskrankheit die rechtzeitige Diagnose einer davon unabhängigen Krankheit verhindert und dadurch den Tod mitverursacht (vgl. für einen Arbeitsunfall BSG, Urteil vom 23.10.1975, 2 RU 65/75, juris, Rn. 22; Urteil vom 28.06.1988, 2/9b RU 28/87, juris, Rn. 15). Die versicherungsfallbedingte Lebensverkürzung um ein Jahr bildet hierbei keine Ausnahme von dem allgemeinen Ursachenbegriff der Unfallversicherung, sondern nur einen besonderen Anwendungsfall der in der Unfallversicherung geltenden Kausallehre (BSG, Urteil vom 27.10.1987, 2 RU 35/87, juris, Rn. 27).

Davon ausgehend ist die Vermutung des § 63 Abs. 2 Satz 1 SGB VII nicht widerlegt. Denn es ist hinreichend wahrscheinlich, dass der Versicherte ohne seine Silikoseerkrankung erst ein Jahr später an dem Gallengangkarzinom gestorben wäre. Es ist keine bloß weit entfernte Möglichkeit, dass der Versicherte ohne seine Berufskrankheit zu den 54% der an einem Gallengangkarzinom Erkrankten gehört hätte, deren Überlebensquote nach den Ausführungen von Dr. F. mehr als ein Jahr beträgt.

Der Vortrag der Klägerin, der Versicherte sei aufgrund seiner langjährigen Berufskrankheit vorgeschädigt, wesensverändert und therapiemüde, und ohne die Berufskrankheit hätte die Gewichtsreduktion als Symptom des Gallengangkarzinoms erkannt werden können, sodass der Versicherte so rechtzeitig daran operiert hätte werden können, dass sein Leben um mindestens ein Jahr verlängert worden wäre, ist nicht derart weit entfernt liegend, dass dieser Zusammenhang nur als theoretische Möglichkeit ohne jeden realen Bezug anzusehen wäre.

Bereits Prof. Dr. Dr. h.c. D. hat bestätigt, dass die anerkannte Berufskrankheit an der raschen Progredienz der Tumorerkrankung beteiligt war. Zudem ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Symptome des Gallengangkarzinoms durch die Silikose verdeckt wurden. Denn beiden Krankheiten ist ein Gewichtsverlust als Symptom gemein. Ein Ikterus, dem typischen Symptom eines Gallengangkarzinoms, lag bei dem Versicherten zur Zeit der Aufnahme im Krankenhaus noch nicht vor. Davon ist der Senat überzeugt, da andernfalls dieses charakteristische Symptom im Aufnahmebefund erwähnt worden wäre. Dass der Versicherte offenbar zwei Monate vor der Aufnahme im Kreiskrankenhaus einmal täglich massiv dünnflüssigen Stuhlgang gehabt und 12 Kilogramm innerhalb von 6 Wochen abgenommen hat, kann zwar nicht als Symptom einer Silikose angesehen werden. Mit nicht fern liegender Wahrscheinlichkeit wäre allerdings der Gewichtsverlust zuvor nicht ausschließlich der Berufskrankheit zugeschrieben worden, sondern hätte Anlass gegeben, nach einer anderen Ursache hierfür zu suchen. Dr. F. hat hierzu ausgeführt, dass aus seiner Sicht die Gallenwegserkrankung ohne die Berufserkrankung mit Wahrscheinlichkeit früher hätte diagnostiziert werden "müssen". Nicht ausreichend für die Widerlegung der Vermutung ist schließlich die Weigerung des Versicherten, sich an dem Gallengangkarzinom behandeln zu lassen. Zwar wird dann, wenn sich der Versicherte vernunftwidrig einer erfolgversprechenden und erforderlichen Behandlung entzieht, grundsätzlich durch dieses Verhalten die Bedeutung des Unfalles bzw. der Berufskrankheit soweit in den Hintergrund gedrängt, dass das vernunftwidrige und dem persönlichen Lebensbereich zuzurechnende Verhalten die alleinige Todesursache darstellt (siehe z. B. Ziegler, in: H. Becker u. a., SGB VII, 3. Aufl. 2011, § 63 Rn. 9). Dann wird die Kausalkette zwischen dem Versicherungsfall und dem Tod unterbrochen. Hinsichtlich der Frage der Widersinnigkeit ist allerdings nicht von dem objektiven Maßstab eines menschlichen Normalverhaltens auszugehen (BSG, Urteil vom 29.02.1968, 2 RU 246/64, juris, Rn. 13). Der Kausalverlauf wird nicht unterbrochen, wenn die diesbezügliche Willensbildung wesentlich durch die Folgen des Versicherungsfalles beeinflusst wurde. Hierbei ist abzuwägen, welche Auswirkungen die Berufskrankheit und ihre Folgen gerade auf die in Betracht kommende Einzelpersönlichkeit mit ihrer jeweils gegebenen Struktureigenart im körperlich-seelischen Bereich gehabt haben (für einen Arbeitsunfall BSG, Urteil vom 29.02.1968, 2 RU 246/64, juris, Rn. 13; Sacher, in: Lauterbach, SGB VII, § 63 Rn. 23, Stand: 2002).

Davon ausgehend ist es zumindest nicht fernliegend, dass sich der Versicherte ohne die Belastungen und Auswirkungen seiner anerkannten Berufskrankheit einer Behandlung des Gallengangkarzinoms unterzogen hätte. Die Klägerin hat in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat glaubhaft geschildert, dass sich der Versicherte im Rahmen seiner jahrzehntelangen schweren Erkrankung zunehmend verändert und sich die Bereitschaft, ärztlichen Rat zu suchen und sich ärztlicher Behandlung zu unterziehen, stark reduziert hat.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.

Die Nichtzulassung der Revision folgt aus § 160 Abs. 2 SGG.

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