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Entscheidungsgründe:

Die Berufung ist zulässig, jedoch nicht begründet. Das erstinstanzliche Urteil und der angefochtene Bescheid der Beklagten vom 27. April 2001 in der Fassung des Widerspruchsbescheides vom 4. September 2001 sind rechtmäßig und verletzen den Kläger nicht in seinen Rechten. Der Kläger hat keinen Anspruch auf die Gewährung von Übergangsleistungen gemäß § 3 Abs. 2 BKV aufgrund der anerkannten Lärmschwerhörigkeit, denn die hierfür erforderlichen Voraussetzungen sind nicht erfüllt.

Nach § 3 Abs. 2 Satz 1 BKV hat der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung einem Versicherten, der die "gefährdende Tätigkeit" einstellt, weil die Gefahr einer Entstehung, eines Wiederauflebens oder einer Verschlimmerung einer BK für ihn nicht zu beseitigen ist, zum Ausgleich der hierdurch verursachten Minderung des Verdienstes oder sonstiger wirtschaftlicher Nachteile eine Übergangsleistung zu gewähren. Vorliegend wäre jedoch die mit der ausgeübten Tätigkeit des Klägers verbundene Gefahr der Verschlimmerung der anerkannten Lärmschwerhörigkeit durch das Tragen eines geeigneten Gehörschutzes zu beseitigen gewesen.

Zur Begründung kann zunächst gemäß § 153 Abs. 2 SGG auf die Ausführungen im erstinstanzlichen Urteil Bezug genommen werden, denen sich der Senat nach eigener Prüfung anschließt.

Entgegen der Auffassung des Klägers ist das Sozialgericht zu Recht dem Gutachten des Sachverständigen für Hörgeräteakustik G. vom 5. September 2006 gefolgt. Der HNO-Arzt Dr. D. hat sich in seinem Gutachten vom 14. März 2006 mit den hier bedeutsamen Otoplastiken gar nicht auseinandergesetzt. Er hat vielmehr nur ausgeführt, dass ein entsprechend wirksamer Kapselgehörschutz verfügbar gewesen wäre, es ihm aber plausibel erscheine, dass beim Tragen eines ausreichend dämmenden Gehörschutzes die Verständigung im Lärmbereich unmöglich sei; diesbezüglich sei jedoch eine Untermauerung durch objektive Messungen wünschenswert. Die Beurteilung der Frage, ob ein für den Kläger geeigneter Gehörschutz zur Verfügung gestanden habe, hat Dr. D. letztlich gerade in die Kompetenz eines Hörgeräteakustikers verwiesen.

Bereits zum Zeitpunkt der Aufgabe seiner Berufstätigkeit durch den Kläger stand auf dem Markt eine Otoplastik zur Verfügung, die ausweislich der von dem Hörgeräteakustiker G. vorgelegten Unterlagen für alle Arbeitsbereiche geeignet war und zu einer Verbesserung der Sprachverständlichkeit führt. Danach kann das Filtersystem dieses Gehörschutzes auf jede individuelle Lärmsituation eingestellt werden. Der Lärmfilter weist eine selektive Schalldämmung auf, die bis in den hochfrequenten Bereich (typischer Maschinenlärm) reicht. Damit können Gefahrensignale weiterhin wahrgenommen werden und Richtungshören und Sprachverständlichkeit bleiben erhalten. Entgegen der vom Kläger vermittelten Vorstellung, mit dem Tragen des Gehörschutzes werde auch gleichzeitig mit dem beeinträchtigenden Lärm die Wahrnehmung von Sprache in der Umgebung ausgeschlossen, kann das Tragen des geeigneten Gehörschutzes vielmehr eine Verbesserung der Sprachverständlichkeit im Lärmbereich herbeiführen. Der Lärm führt zu einer "Maskierung", d. h. der Wahrnehmung des lauteren und der Nicht-mehr-Wahrnehmung des leiseren von zwei Schallereignissen, denen ein Ohr gleichzeitig ausgesetzt ist. Dabei wird das leisere Schallereignis vom lauteren verdeckt. Je höher der Geräuschpegel, desto ungünstiger wird das Signal-/Rauschverhältnis und damit umso schlechter die Verständlichkeit von Sprache im Lärmbereich. Dämmt man nun mit einem Gehörschutz die niedrigen Frequenzen stark ab, so wird die Möglichkeit zur Maskierung der höheren Frequenzgruppen kleiner, das Signal-Rauschverhältnis günstiger und die Verständlichkeit gegenüber der Situation ohne Gehörschutz dadurch sogar besser. Gerade diese Funktion vermag die individuell angepasste Otoplastik zu erfüllen, da sie im Gegensatz zu Konfektionsgehörschützern kein Luftleck aufweist und damit eine große Dämmung in den niedrigen Frequenzen ermöglicht.

Vor diesem Hintergrund vermag der Senat keine Notwendigkeit zur Einholung eines weiteren Gutachtens eines Hörgeräteakustikers nach Messungen zu erkennen. Die Höhe des Lärmpegels ist vorliegend nicht streitig und war den Sachverständigen bei der Abfassung ihrer Gutachten bekannt. Das Tragen einer Otoplastik hätte das Sprachverständnis im Lärmbereich jedenfalls nicht gegenüber der ohnehin durch den Lärm beeinträchtigten Verständlichkeit zusätzlich verschlechtert, sondern durch die "Demaskierung" sogar eher verbessern können bei gleichzeitigem Schutz vor einer Verschlimmerung der BK.

Der Kläger kann auch keineswegs gegenüber der Beklagten vortragen, entsprechende Messungen an seinem früheren Arbeitsplatz nicht vorgenommen zu haben oder ihm eine entsprechende Versorgung mit Gehörschutz nicht während seiner Tätigkeit angeboten zu haben. Die Beklagte erlangte von dem Vorliegen der Lärmschwerhörigkeit bei dem Kläger erst im März 1997 Kenntnis und damit ca. sieben Monate nach der bereits seitens des Klägers erfolgten Aufgabe seiner Tätigkeit. Dieser hatte es unterlassen, die Beklagte noch während der Ausübung seiner Tätigkeit zu informieren, sodass die Beklagte auch nicht entsprechende Maßnahmen hatte einleiten können.

Es ist auch nicht zu beanstanden, dass das Sozialgericht im Rahmen seiner Urteilsbegründung auch die BG-Regeln BGR 194 sowie die BG-Information BGI 5024 herangezogen hat, selbst wenn diese zum Zeitpunkt der Tätigkeitsaufgabe noch nicht in dieser Form vorgelegen haben. Das Sozialgericht hat den BGR 194 hier lediglich technische Kriterien und vergleichende Bewertungen des von dem Sachverständigen G. für geeignet erachteten, bereits seit 1995 auf dem Markt befindlichen Gehörschutzes entnommen, die unabhängig von der Veröffentlichung der BGR sind. Gleiches gilt für die BGI 5024, denen nur Umstände entnommen werden, unter denen der Einsatz von Otoplastiken zu empfehlen ist. Damit sind die zwar erst später – nach Tätigkeitsaufgabe - veröffentlichten BGR und BGI durchaus geeignet, die von dem Sachverständigen G. getroffene Feststellung zu Geeignetheit des von ihm vorgeschlagenen Gehörschutzes zu untermauern.

Wie das Sozialgericht daher zu Recht festgestellt hat, lässt sich vorliegend aufgrund der Möglichkeit der Versorgung des Klägers mit geeignetem Gehörschutz ein objektiver Zwang zum Unterlassen der Tätigkeit wegen konkreter, individueller Gefahr der Verschlimmerung der BK bei retrospektiver Betrachtungsweise nicht feststellen. Da sich hiernach die angefochtenen Entscheidungen als rechtmäßig erweisen, konnte die Berufung keinen Erfolg haben.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG, diejenige über die Nichtzulassung der Revision auf § 160 Abs. 2 SGG.

Die Veröffentlichung des Urteils erfolgt nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. Eine Nutzung dieses Urteils von Sozialversicherung-kompetent.de zur gewerblichen Nutzung ist untersagt.

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